Macht
Panta rhei, alles fließt, wussten schon die alten Griechen (Heraklit). Nichts bleibt so, wie es ist oder manchmal auch nur scheint.
Veränderungen gehören zum Leben dazu, sagt man. Das ist kaum zu bestreiten. Aber oft geschehen diese ungewollt. Gerne wird dann fabuliert, das Neue ist auch eine Chance. Mag sein, aber es heißt eben auch, da ist etwas zu Ende.
Wir erleben derzeit nicht einfach nur Veränderung, die gab es immer. Vielmehr ist ein Epochenwechsel im Gange und wir sind mittendrin. Doch merken wir davon schon etwas oder ist es eher ein Thema für interessierte Talkshow Zuschauer oder Zeitungsleser?
Wenn sich das Machtgefüge global verändert, dann ist das nicht nur etwas für die große Politik, dann betrifft es irgendwann jeden von uns. Gewohnheiten brechen ab. Bündnisse, die quasi eine Art Ewigkeitsstatus hatten, werden fragil. Was passiert, wenn die NATO auseinanderfallen sollte und das politische Konstrukt Europäische Union nicht mehr zusammenhält? Wir wissen es nicht oder besser gesagt, noch nicht.
Seit dem Überfall auf die Ukraine ist die so genannte regelbasierte Ordnung (Völkerrecht) schwer angekratzt. Militärische Gewalt wird wieder zum Mittel der Politik. Das Primat der Diplomatie verkommt zu einer Art Beschäftigungstherapie für Europas Politiker, die irgendwas machen wollen, aber von den Mächtigen in Europa, Asien und Amerika kaum ernst genommen werden.
„Wie viele Divisionen hat der Papst?“, soll Stalin einst gefragt haben. Er wollte damit moralische Autorität diskreditieren und das Recht des Stärkeren, also militärische Macht, als die einzig wahre Autorität hervorheben. Sind wir wieder auf dem Weg dorthin? Nein, wir sind schon mittendrin.
Nach und nach wird eine gewaltige Rüstungsspirale in Gang gesetzt werden und in Deutschland wird es nicht bei einer Aufforderung zur Musterung bleiben.
In Rom ist gerade das Heilige Jahr zu Ende gegangen. Pilger der Hoffnung, so hieß das Leitwort. Hoffnung klingt immer gut. Das Beeindruckende an dieser theologischen Tugend ist ihre Verankerung in Gott. Damit reicht sie über alle innerweltlichen Zusammenhänge hinaus und baut eine Brücke zwischen Zeit und Ewigkeit. Sie bricht das Angstgefüge einer zunehmend verunsicherten Gesellschaft auf und eröffnet einen Sinnhorizont, der sich nicht im Endlichen erschöpft. Das wird freilich in einer zunehmend säkularen, genauer gesagt, ungläubigen Gesellschaft immer schwieriger. Sinnstiftung, Fehlanzeige. Hauptsache gesund.
Der Glaube bietet das großartige Geschenk weit über die Macht der Mächtigen hinaus, die Ewigkeit zu gewinnen, wenn hier alles zu Ende ist.
Ja, alles fließt. Doch der Strom der Zeit wird für den Menschen nicht im Nichts münden, sondern – freilich durch das Gericht hindurch – in der Herrlichkeit Gottes.
Ihr Pfarrer Ludger Dräger