Pfarrei  St.Gerhard Heiligenstadt

Das Wort zur Woche von Pfarrer Ludger Dräger


Umbruch


In der Passionsgeschichte nach Johannes gibt es einen kurzen Dialog zwischen Jesus und Pontius Pilatus über Wahrheit. Pilatus will sich jedoch nicht wirklich darauf einlassen und wischt das Thema einfach weg. „Was ist Wahrheit?“ Für ihn, den Mächtigen, ist das ein unnützer Disput. Für ihn gehören Wahrheit und Macht zu machen. Alles andere ist für ihn Philosophengeplänkel.  „Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich zu kreuzigen?“ Das ist für Pilatus die entscheidende Frage. 

Noch heute geht es bei der Rollenverteilung im Strafprozess nicht bei allen Beteiligten um die Wahrheit. Der Angeklagte muss versuchen seine Haut zu retten und dafür soll der Strafverteidiger sorgen. Ihm geht es darum, eine für sicher gehaltene Tatsache zu erschüttern, so dass schließlich das Gericht Zweifel hat an der Darstellung der Anklage. Es muss im Strafprozess nicht die Unschuld nachgewiesen werden, es reicht aus, einen nicht überwindbaren Zweifel zu konstruieren. In dubio pro reo, das reicht für einen Freispruch. 

Religion hat es ohne wenn und aber mit der Wahrheit zu tun. Aber es ist keine faktische Wahrheit, die sich experimentell erweisen ließe. Sie verdankt sich eines höheren Ursprungs und ist nicht einfach von dieser Welt, wie Jesus sagt. Dennoch glauben wir, dass sich diese Wahrheit finden lässt in der Offenbarung, also vor allem in der Heiligen Schrift, in der Tradition der Kirche und nicht zuletzt in der Schöpfung selbst.  Was der Mensch vorfindet, ist nicht einfach beliebig,  so dass es ganz und gar seiner Verfügungsmacht unterworfen wäre.  Er erfährt sich selbst als Teil einer Ordnung, ja sogar einer ewigen Wahrheit.  

Im Zeitalter des Relativismus – das große Thema von Papst emeritus Benedikt – wird eine solche Position geleugnet, ja strikt zurückgewiesen.  Alles fließt, sagt der griechische Philosoph Heraklit. Modern gesprochen, alles kann neu konstruiert werden, alles ist nur menschengemacht. Ein Schöpfer spielt da keine Rolle mehr, im Gegenteil, er wird ausdrücklich verneint.  Wahrheit ist nur noch das, was ich für richtig halte, ohne jegliche Vorgaben.  

Das deutlichste Beispiel dafür, war jüngst die Entscheidung des Bundestages, „Ehe“ für alle zu ermöglichen.  In der Tat ist dies der Beweis, dass es keine Anerkennung einer göttlichen Ordnung mehr gibt. Der Mensch ist nicht mehr Empfänger der Wahrheit, er ist deren Gestalter. Die Kirche scheint darauf keinen Einfluss mehr zu haben und meldet sich höchstens so zu Wort, dass es niemanden weh tut. Wahrlich, es sind Zeiten des Umbruchs und keiner weiß, wohin die Reise geht…

Ihr Pfarrer Ludger Dräger